V E I T  H A R L A N 

GOEBBELS' STARREGISSEUR

von  I n g r i d B u c h l o h

Mit einem Vorwort von H a n s M o m m s e n:

Erschienen März 2010, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 347 Seiten, 37 Abbildungen, umfangreicher Dokumentenanhang, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-506-76911-4.


Ingrid Buchloh zeichnet ein neues und facettenreiches Bild eines Menschen und bedeutenden Künstlers, der immer noch vielen als »williger Diener der Nazis« gilt: Ein besessener Künstler zwischen Anpassung und Widerstand.

Goebbels hielt Harlan für den Fähigsten aller deutschen Regisseure und hatte erkannt, dass sich Harlan-Filme aufgrund ihrer Emotionalität für eine subtile Vermittlung von NS-Botschaften nutzen ließen.

Präzise Filmanalysen sowie die kritische Auswertung wichtiger Quellen und unbekannter Dokumente belegen, wie Goebbels die Entstehung der Filme bis hin zu kleinsten filmischen Details kontrollierte und solange korrigierend eingriff, bis sie seinen propagandistischen Absichten dienlich waren.

Veit Harlans Versuche, durch Verweigerung, Taktieren oder künstlerische Gestaltung Goebbels’ Befehle zu unterlaufen, misslangen. Er stand jedoch bis zum Schluss zu seinen jüdischen Freunden und setzte sich im Beruf für Verfolgte des NS-Regimes ein.

Die Politisierung des »Falls Veit Harlan« nach dem Krieg erlaubt einen Einblick in den Prozess der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Nachkriegszeit und den ersten Jahren der Bundesrepublik Deutschland.

Die Autorin: Ingrid Buchloh, Dr. phil., Historikerin, Studium der Geschichte und Romanistik in Köln, Promotion bei Wolfgang J. Mommsen mit einer Arbeit über die nationalsozialistische "Machtergreifung", bis 2004 Studiendirektorin am Gymnasium und am Studienseminar. 

Danach befasste sie sich mit der Geschichte ihrer hugenottischen Vorfahren, der Familie Harlan, und veröffentlichte 2007 das Buch "Die Harlans. Eine hugenottische Familie".

Durch ihre Forschung kam sie in Kontakt mit dem Familienzweig, zu dem Veit Harlan gehört, und erhielt Informationen und Einblicke in private Dokumente, die sie veranlassten, eine biographische Studie über den umstrittenen Regisseur zu verfassen. 

R E Z E N S I O N E N

Unter dem Titel Goebbels' Starregisseur versucht Ingrid Buchloh, die Persönlichkeit Harlans in ein ausgewogeneres Licht zu setzen, als es in der Nachkriegszeit geschah. Harlan lehnt es ab zu emigrieren, weil er den deutschen Sprachraum für sein Kunstschaffen zu brauchen glaubte. Die Autorin zeigt, wie er sich bei NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gegen die politische Instrumentalisierung zu wehren versuchte. Goebbels wollte auf Harlan trotz dessen Renitenz nicht verzichten, weil er seinen Regiestil für passend hielt, die Bevölkerung über Filme zu indoktrinieren. Trotz erheblicher Konfliktbereitschaft, die bis zur Drohung reichte, sich an die Front zu melden, wurde der prominente Regisseur immer wieder in NS-Korsetts gezwungen. So konnte er zwar teilweise künstlerische Standards durchsetzen, musste aber das Umschreiben ganzer Szenen durch das Ministerium hinnehmen. (Thomas Rietig, in: Mediengruppe Offenbach-Post vom 16. 2. 2011)

Ingrid Buchlohs erneute Beschäftigung mit Veit Harlan ist ein begrüßenswertes Projekt. Die Präsentation von historischem Material, das die Politisierung der deutschen Filmindustrie belegt, ist ein großes Verdienst. Ebenso vermag die Schilderung von Harlan als einer komplexen Persönlichkeit, die zwischen politischem Einfluss und künstlerischem Engagement zerrissen war, zu überzeugen. …. Buchloh schildert das komplexe Verhältnis zwischen dem Künstler Harlan und dem Agitator Goebbels eindrucksvoll in dem Kapitel über die Entstehung des antisemitischen Films "Jud Süß"…. (Rainer Erd, FAZ vom 24.Juni 2010)

Empfehlenswert, weil sie mit Opas Ideologiekritik aufräumt und einen Harlan-Streit eröffnet, ganz im Sinne ihres geistreichen Vorbildes Hans Mommsen, aber im Stil einer jungen Romanautorin. 1. Satz: “V.H. liebte und bewunderte seinen Vater..." Friedrich Knilli, in: "Leselampe", 19. KW, 2010 

Buchloh gelingt es tatsächlich, ein ausgewogenes Bild des Künstlers Harlan zu zeichnen, der durch seine Propagandafilme in eine ausweglose Situation geraten war. Spätere zeit- und filmhistorische Untersuchungen werden an ihrer Studie nicht vorbeikommen. (Kurt Schild, in: Zeitschrift für Geschichte, Januar 2011)

Sie hat keine Schwierigkeit darauf aufmerksam zu machen, dass Felix Moeller die Sippenhaftung in seinem Film thematisiere (S. 217). Und Ingrid Buchloh hat keine Schwierigkeiten, sich über die Schikanen und Pressekampagnen gegen Veit Harlan in den Jahren 1945-47 zu empören (S. 179-182), in der Entnazifizierung und in den Anklagen in den Jahren 1947/48 die Farce zu erkennen ( S. 183-188), die Prozesse und Freisprüche in den Jahren 1949/50 zu hinterfragen (S. 189- 202) und den Boykott der neuen Harlan-Filme und deren Diffamierungen eine Schande zu nennen (S.204-214). (Friedrich Knilli, Februar 2011)

Nach 1945 kam der Regisseur zweimal vor Gericht und wurde frei gesprochen. Für viele war er ein Sündenbock. Es wäre sicher für Harlan gefährlich gewesen, sich aus der fatalen Umarmung des Ministers zu befreien, und er hatte nie die Kraft dazu. So konnte er sich den bis in die kleinsten Einzelheiten der Drehbücher gehenden Goebbels’schen Anordnungen kaum widersetzen…. (Edgar Feuchtwanger, in „Damals“, vom August 2010)

Es kommen ja Tiefendimensionen im Menschlichen, im Politischen, aber auch im Künstlerischen zum Vorschein, über die der ahnungslose Filmbesucher nur dankbar staunen kann…. (Brief Harald Harlans an die Verfasserin)